Das CFG ist überall – Marina Weisband (Abijahrgang 2006)

Interview von C. Wissemann-Hartmann

Marina Weisband führte mit mir ein Zoomgespräch am 14.10.2026.

Marina Weisband ist eine Schülerin des CFG, die ich selbst in meinem Mittelstufenunterricht im Wahlbereich Mathe/Physik kennengelernt habe.

Sie wurde deutschlandweit bekannt durch ihre Tätigkeit bei der Piratenpartei in den Jahren 2011 und 2012 und nun gab es eine Live-Veranstaltung mit ihr im Rahmen ihrer Podcast-Reihe „Wind und Wurzeln“ in Münster, wo sie ihren Lebensmittelpunkt hat. Das interessierte mich, da es um Demokratiebildung ging und ein interessanter Aktivist ihr Gesprächspartner war, der aufruft zu zivilgesellschaftlichem Engagement: Arne Semsrott. Nach der Veranstaltung ging ich auf sie zu und fragte, ob sie sich vorstellen könnte, für diese Columne ihrer ehemaligen Schule ein Interview zu führen – sie war es.

Dann überschlugen sich die Ereignisse: Nach unserer Verabredung aber vor dem Interview ging es durch die Presse: Marina Weisband erhält das Bundesverdienstkreuz des Bundespräsidenten. Und so wurde Marina am 4.10.2026 in Berlin ausgezeichnet – wofür, das erfahren wir im Interview.

Das war auch für mich spannend, so aktuell mit ihr darüber sprechen zu können, aber mehr noch war es ein spannendes Gespräch, weil viele Antworten von Marina auf meine Fragen unerwartet und einfach stark waren. Es geht um Demokratie, zivilgesellschaftliches Engagement, Werte und ein Tipp für Euch ist auch dabei. Schaut selbst, was ihr dazu denkt:

Teil I Biographisches und Selbstbild – das ist mein Weg

cwh: Hallo, liebe Marina, zuallererst einmal einen ganz herzlichen Glückwunsch zu dieser grandiosen Auszeichnung Anfang des Monats durch den Bundespräsidenten, das Bundesverdienstkreuz. Das ist ja unglaublich! Und ich habe mich natürlich gefragt, was ist es, wofür Marina diese Würdigung erfährt, aber ich denke, da kommen wir etwas später zu.

Zuerst wäre es schön, wenn Du uns kurz etwas Biographisches erzählst, aber vielleicht auch fokussiert auf die Frage danach, wie Du Dich selbst siehst.

Marina: Ich bin 1987 in Kiew geboren, war als Kind schon sehr krank als Folge der Tschernobyl-Katastrophe und die Ärzte empfahlen, aus der Ukraine wegzugehen, damit ich mich erholen könnte. So kamen wir als jüdische Kontingentflüchtlinge 1994 nach Deutschland und nach Wuppertal, wo ich zuerst eine Kur machte, um mich zu erholen.

 Ich wurde dann auch nicht in die Grundschule eingeschult, weil ich zu dünn war, erst ein Jahr später. Dann kam die Frage Gymnasium oder Katholische Schule, was eigentlich beides nicht zu mir passt, es wurde dann das CFG und da bin ich auch froh, dass es das CFG geworden ist.

Da habe ich 2006 mit 17 das Abitur gemacht und dann in Münster Psychologie studiert.

Ich wurde dann Kreisvorstand bei der Piratenpartei und habe da 2011 bis 2012 für diese Partei gearbeitet. Ich habe dann mein Diplom gemacht in pädagogischer Psychologie und dann im Jahr 2014 das Projekt und die Plattform Aula gegründet. Das hat viel mediale Aufmerksamkeit hervorgerufen. Wenn man mich nach meiner Berufsbezeichnung fragt, wusste ich lange nicht, wie ich mich nennen soll, da bin ich dann auf Beteiligungspädagogin gekommen, weil das auch meiner Studienrichtung entspricht und meinem Wunsch, Kinder demokratisch zu beteiligen. Bei Aula bin ich eigentlich head of vision mit 16 Mitarbeitern. Dazu habe ich viel in Talkshows gesprochen.

cwh: Ja, da warst Du aus der politischen Arbeit sehr bekannt, hattest da ein Alleinstellungsmerkmal und bist nicht 08/15. Das sind ideale Voraussetzungen für eine Speakerin oder einen Talkshowgast.

Marina: Ich habe ja dann aber auch die ME bekommen aufgrund einer Epstein-Barr-Erkrankung und versuche auch da, Aufmerksamkeit zu schaffen für die vielen Menschen, die daran erkrankt sind und so wenig gesehen werden. 1https://www.mecfs.de/was-ist-me-cfs/

cwh: Ja, da habe ich in meinem direkten Umfeld auch zwei Menschen, die soo krank sind, da weiß ich, wovon Du sprichst.

Teil II Das Bundesverdienstkreuz – eine besondere Auszeichnung

Cwh: Dann lass uns jetzt einmal über die Auszeichnung sprechen, denn die hat ja ganz viel damit zu tun, was Dir wichtig ist und wofür Du stehst. Noch einmal herzlichen Glückwunsch dazu! Was ist es, denkst Du, warum Du dieses Bundesverdienstkreuz bekommen hast, was hat man da bei Dir gesehen und ausgezeichnet?

Marina: Das ist eine schwierige Frage. Ja, das ist einmal mein Einsatz für die Demokratie über das Aula-Projekt, aber auch mein Engagement gegen Faschismus, Antisemitismus und Rassismus.

Aber ich war ja da nicht alleine dort. Mit 20 anderen zusammen bekam ich diese Auszeichnung. Und es wurde geehrt, dass diese Menschen auf verschiedenste Arten Demokratie verteidigt und gelebt haben. Das war schön, zu spüren, dass das gesehen und gewürdigt wird.

cwh: Ich war auf dieser Veranstaltung Anfang Oktober in Münster, bei der Du einen Deiner Podcasts aus der Reihe „Wind und Wurzeln“ 2 aufgenommen hast mit dem Gast Arne Semsrott. Da ging es auch um Demokratieförderung.  Da ist mir klar geworden, dass man auch mehr auf das Inland gucken muss, – ich unterstütze sonst eher Brot für die Welt oder so, also dass man viel mehr dafür tun muss, dass solche demokratiefördernden Formate gestützt werden. Mir hat es die Augen geöffnet, dass man zumindest kleine Sachen machen sollte in Deutschland, um unabhängig engagiert zu sein. Gerade in diesen Zeiten. Das Buch „Gegenmacht“3mit den vielen Anregungen dazu von Arne Semsrott ist da ein guter Tipp.

Marina: Ich muss noch sagen, ich bin ja viel herumgekommen, in der Ukraine, in Frankreich, und Deutschland ist da ein Ausnahmeland, in dem man sich so leicht engagieren kann. Es gibt 1000 Orte, wo man sich engagieren kann. Man fragt sich: Was ist mir wichtig? Und dann muss man die Frage beantworten: was würde ich denn tun, wenn es wirklich drauf ankäme? Das heißt, wenn ich, na sagen wir mal, wichtig finde, dass queere Menschen Priorität bekommen sollen, was würde ich dann dafür tun? Viele Menschen wissen, was theoretisch wichtig ist, tun aber den nächsten Schritt nicht, dass sie auch praktisch damit beginnen.

cwh: Also: vom Denken ins Handeln kommen.

Marina: genau!

Teil III Wichtige Anliegen – Speakerin, das Aula-Projekt, Podcasts, Bücher

cwh: Du machst den Podcast Wind und Wurzeln und wirst häufig als Speakerin eingeladen. Wer lädt da ein?

Marina: Unis, Volkshochschulen, Vereine und Berufsverbände, Zivilgesellschaftliche, Schulen,…

cwh: Da gab´s den Spiegeltitel: „die Oberpiratin geht von Bord“, als Du die Piratenpartei verlassen hast, und Du bist rhetorisch sehr eloquent, klar, dass man da eingeladen wird.

Marina: Nun, das war auch Glück, es war die richtige Zeit, das war von mir kein Karriereplan, es hat mich da einfach so reingeweht. Nur muss man das Glück dann auch ergreifen. Ich hatte nach meiner Wahl zunächst einmal eine Woche lang Panikattacken. Ich hätte ja auch einfach Nein sagen können. Mädchen sind da in der Regel übervorsichtig, während Männer sagen: „Gorilla im Faustkampf besiegen, mit ein bisschen Vorbereitungszeit schaffe ich das schon.

Die Kunst ist, wenn man eine Gelegenheit hat, sie auch zu ergreifen. Aber das war nicht leicht, das durchzuziehen, es hat Kraft gekostet.

cwh: Ich habe nirgendwo gelesen, dass Du Feministin bist, das klang jetzt danach.

Marina: Ich sage immer, ich bin Menschenfreundin, das schließt es ein, Feministin zu sein. Besonders im Blick auf marginalisierte Gruppen. Zum Beispiel die Migrantinnen, die sind weiblich und nicht von hier, da glaubst Du wenig an Dich. Da braucht es Mut und Selbstvertrauen, um seinen Platz zu finden.

Cwh: Das kenne ich. Ich hatte einen Schüler, der sagte anlässlich eines Zeugnisses zu mir: Mein Vater sagt, wir kommen aus Polen. Da hast Du nur eine Chance, hier zu bestehen: mit den besten Noten. Und jetzt geht die ganze Anstrengung für das nächste Zeugnis alles wieder von vorne los.

Marina: Ja, meine Mutter ist auch einmal, als ich in Reli eine Eins Minusbekommen habe, zur Lehrerin gegangen und hat gefragt: was muss meine Tochter noch mehr machen, damit es Eins ist. So etwas stärkt nicht das Selbst!

Cwh: Und dann gibt es da das Aula-Projekt4. Das passt sehr gut zu Dir als Beteiligungspädagogin. Ist es auch das, womit Du Deinen Lebensunterhalt bestreitest?

Marina: Ja, genau. Das mache ich hauptamtlich. Und es wird finanziert aus einer Mischung aus staatlicher Förderung, von einer Stiftung und aus Spenden von Privatpersonen.

Cwh: Ich habe auf der Internet-Seite gesehen, dass Du da so einen Prozess gestaltest, der anfängt mit „Wilden Ideen“ und dann weitere Schritte durchläuft.

Marina: Ja. Das entstand aus mehreren Motiven.

Erstens will ich da ALLE in der Schule versammeln und mitnehmen. Deshalb heißt das Projekt AULA, alle kommen zusammen, nur auf einer Plattform, nicht real in der Schulaula, das geht ja nicht mit so vielen.

Zweitens soll es ein Prozess sein. Und damit es verbindlich ist und transparent ist, muss es einen Rahmen haben. Der ist vorgegeben. Und damit es keinen Frust gibt, ist es ganz wichtig, dass die Projekte vor der Abstimmung geprüft werden und von der Schulleitung dann auch freigegeben werden. Die Schüler dürfen ja nicht Beliebiges machen: z.B. dürfen sie keine Lehrer entlassen. Dann beginnt die Ideensammlung. Dadurch erfahren die Schüler dann Selbstwirksamkeit, sind keine Opfer oder Besucher ihrer Schule mehr, sondern gestalten mit. Das wirkt sowohl Lethargie entgegen als auch Radikalisierung.

cwh: Und wie viele Schulen sind da jetzt dabei?

Marina: Über 90 in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Aber die Dunkelziffer ist groß, denn die Materialien lassen sich von der Plattform einfach herunterladen und man kann die Plattform kostenlos nutzen. Einen Leitfaden gibt es auch. Wir könnten das mit 16 Mitarbeitern gar nicht schultern, so viele Multiplikatoren zu schulen.

cwh: Vielleicht vor meinen Abschlussfragen, die so ein bisschen die Schüler auch betreffen sollen, würde ich dann gerne nochmal über die Podcasts sprechen. Das ist so eine Arbeit, da braucht man unheimlich viel Recherche. Und ich habe mir die Themen angeguckt. Du bist gestartet mit „Lohnt sich Fairness in der Politik“. Und dann, was ich sehr spannend fand, „Was, wenn morgen Faschismus ist?“ Also, diese Sendung ist noch mal viel wichtiger geworden, wie ich finde im Moment. Die Frage macht ja richtig Angst.

Marina Weisband: Man muss sagen, zu der Zeit, als ich diese Folge gemacht habe, hatte ich mich mit diesen Gedanken schon sehr lange beschäftigt. Und ich mache ja Aula nicht umsonst seit 10 Jahren. und jetzt kommen Leute und sagen: „Oh, sowas wie Aula wäre eigentlich total wichtig“, und ich so: „Ja, ich weiß.“ Weil ich diese Bewegung einfach schon sehr lange beobachte und antizipiert habe. Also, ich habe den Aufstieg der AfD von Anfang an beobachtet. Schon bevor die AfD kam, war in Europa schon eine rechtsradikale Bewegung zu spüren. Nur Deutschland war so ein oranger Fleck. In Deutschland gab es keine rechtsradikale Bewegung. Aber dieses populistische Potenzial hat die Piratenpartei aufgefangen. Ich bin jemand, der sehr empfindlich für diese Themen ist, aufgrund meiner Familiengeschichte. Ich stamme ab von Holocaustüberlebenden. Ich bin mir der Gefahr seit vielen Jahren sehr gewahr. Deswegen arbeite ich auch die ganze Zeit in diese Richtung und ich versuche, die Menschen mitzunehmen, in dieser Vorbereitung.

cwh: Du sagst in diesem Podcast, dass man nicht in Schockstarre verfallen darf, schon damals, das war mir auch so ein schönes Bild mit der Schockstarre. Das führt dann im Umkehrschluss dazu, dass man so Dinge macht wie Beteiligungspädagogik. Das ist eine Verbindung, die ich da sehe, die sich in deiner Person da verkörpert. Und dieser Pessimismus lähmt, wir können nichts machen und das geht alles seinen Weg. Ich bin außerdem noch Christin, außer engagierte Bürgerin. Da frage ich mich: Was können Christen als Alleinstellungsmerkmal miteinbringen in diese Zivilgesellschaft? Wie können wir unser Anliegen so vertreten, dass es gesehen und gehört wird. Oft sagt man, die Kirchen, die sagen ja nichts, was nicht so direkt stimmt.

Marina: Nee, das stimmt auch überhaupt nicht. Tatsächlich gerade Christen. Das Christentum hat ja eine reiche, antifaschistische Tradition, und gerade jetzt im Osten sind die Kirchen super aktiv gegen die AfD. Jan Böhmermann5 hat dazu eine gute Sendung gemacht. Und ich glaube, gerade Kirchen erfüllen ja die Funktion, Menschen Halt zu geben. Also, dieser Populismus entsteht ja, das wissen wir aus 10.000 Studien, aus so einer Unsicherheitslage, aus einem inneren Werteverlust, aus einer Angst, die auf Unsicherheit beruht. Und die Kirche ist der Ort, der Menschen sagen kann: Wo gehörst du hin? Zu wem gehörst du dazu? Und was kannst du tun? Und du bist wertvoll.

Ganz, ganz viele der Menschen, die jetzt die AfD wählen, fühlen sich nicht gesehen, fühlen sich nicht wahrgenommen, fühlen sich überrannt. Alles verändert sich. Es verändern sich jetzt plötzlich Werte und Normen: was Männer sind, was Frauen sind, was eine Familie ist. Bin ich dann überflüssig? Habe ich meinen eigenen Kindern nichts mehr beizubringen? Und die Kirche ist der Ort, der sagen kann, du bist nicht überflüssig. Du bist super, wertvoll, nicht nur als das Geschöpf, als das du geschaffen bist, sondern als das Geschöpf, das für deinen Nächsten da ist.

cwh: Ja, gut gesagt.

Jetzt knüpfe ich da mal die Frage nach Deiner Religion an. Du bist Jüdin. Und ich habe irgendwo auch gelesen: Du lebst auch den jüdischen Glauben. Das ist ja immerhin noch zweierlei.

Marina: Ja, ich sage immer über mich, ich bin gläubig, aber nicht religiös. Also, ich begehe z.B. den Schabbat. Aber ich esse nicht streng koscher oder so. Also, ich glaube, mich interessiert die Theologie. Ich hatte ja, wie Sie wissen, die Möglichkeit, sowohl die katholische als auch die evangelische Theologie kennenzulernen. Und dann die jüdische. Und ich war auch im jüdischen Religionsunterricht hier in Münster und ich finde das wahnsinnig spannend. Aber ich bin keine sehr religiöse Person.

cwh: Warum bist du keine Christin?

Marina: Letzten Endes, weil ich nicht daran glaube. Ich habe ja keinerlei religiöse Tradition mitbekommen aus meiner Familie, aber zum Judentum habe ich zumindest den kulturellen Konnex. Also, Meine Familie ist schon kulturell sehr jüdisch.

Was mir fehlt ist diese Idee: der Messias war schon da, und wenn ich nach den Prophezeiungen gehe, sollte die Welt anders aussehen, als sie aussieht.

Ich möchte nicht in einen theologischen Diskurs darüber eintreten, aber Glaube ist ja eine innere Sicherheit, die man hat, die ich darüber nicht verspüre.

cwh: Okay, das finde ich sehr nachvollziehbar.

Du hast ja auch ein Buch geschrieben über das Jüdischsein und dass man die Menschen fragen soll, die es sind, warum sie es sind und was es bedeutet. Wie viele Bücher hast Du geschrieben?

Marina: Also als Haupt oder Co-Hauptautorin waren es vier, und dann habe ich diverse Kapitel in Sammelbänden geschrieben.

cwh: Welches Buch ist dir das Wichtigste? Aber das sollte man auch nicht gegeneinander ausspielen.

Marina: Ja, ich glaube tatsächlich, dass bisher mein neuestes mein Lieblingsbuch ist, „Die neue Schule der Demokratie“, weil es am nächsten dran ist an meiner eigenen Gedankenwelt ist. Es beschreibt meine Erfahrungen, was ich jetzt gerade aus der Politik gelernt habe.

Ich glaube, die anderen Bücher habe ich so geschrieben, dass es jeweils explizit als Momentaufnahme gedacht war.

Dann habe ich ein Buch zusammen mit Frido Mann geschrieben, dem Enkel von Thomas Mann, der übrigens auch natürlich sehr in dieser christlichen Tradition ist und lebt und auch daraus sehr stark schöpft in diesem Buch: „Wie wir aus der Krise kommen“. Das kann ich also sehr empfehlen.

Und dann habe ich mit Elia zusammen das Buch übers Judentum geschrieben, das ich eigentlich auch gar nicht schreiben wollte. Das war mehr oder weniger ein viraler Twitter-Trend, der dann zu einem Buch eskaliert ist.

Aber dieses Buch „Die neue Schule der Demokratie“, da halte ich Gedanken fest, mit denen ich eigentlich jeden Tag arbeite.

Ich bin jetzt gerade wieder im Prozess, ein Buch zu schreiben über ein besonderes Jahr in meinem Leben und da wird es sehr stark um meine Krankheit gehen.

cwh: Da bist Du also sehr breit aufgestellt.

Marina: Ja vor allem, weil ich mich ja auch gar nicht als Autorin sehe.

cwh: Das bist du aber.

Teil IV Werte – das verankert mein Leben

wh: Okay, jetzt kommen vier Fragen, die ich zum Abschluss stellen möchte. Das zeigt immer nochmal so eine andere Seite einer Persönlichkeit.

Also Frage 1: Welche Persönlichkeit würdest du gerne treffen, wenn du treffen könntest, wen du treffen wolltest, auch Tote.

Marina: Ah, auch Tote, okay, weil ich lebe ja in der sehr unikalen Lage, dass ich tatsächlich die meisten Personen, die ich treffen will, auch treffen kann.

cwh: Ja, das stimmt. Die aktuell lebenden, nicht die Toten.

Marina: Das Ding ist aber, ich mache gar keine große Heldenverehrung.

cwh: OK, ich schon. Also Nelson Mandela, Martin Luther King? Solche Leute, die sind für mich total wichtig, als Vorbild.

Marina: Ich bin da immer skeptischer. Also, ich stehe gar nicht so darauf, Personen zu erheben. Ich bin zwar sehr inspiriert von manchen Personen. Ich bin sehr von Frida Kahlo inspiriert, der Umgang mit körperlichem Leid und wie man das in Kreativität packt, ist ein sehr großes Motiv in meinem Leben. Aber ich bin mir nicht mal sicher, ob ich ihr begegnen wollte. Ich glaube, so die Leute, die genug hinterlassen haben, dass ich von ihnen lernen kann, haben genug hinterlassen. und ansonsten heißt es ja immer: Triff nie deine Helden.

cwh: Okay. Schöne Antwort. Es hätte jetzt sonst noch die Frage gegeben, was du diese Person fragen wolltest, aber das hast du ja beantwortet. Du hast gesagt, die haben genug hinterlassen.

Marina: Übrigens, wo wir übers Christentum sprechen: Jesus Christus würde ich tatsächlich gerne treffen. Weil, wenn er nichts anderes war, so war er zumindest der größte Rabbiner, der je gelebt hat. Er hat auf jeden Fall die Interpretation der Tora neu gedacht. Unfassbar diese Übersetzungsleistung, das ist ja eigentlich auch das, was ich sehr versuche, zu betreiben.

Ich übersetze seit frühesten Kindertagen: früher für meine Mutter in Lehrersprechtagen und inzwischen zwischen Schülern und Senioren und der Politik und Allgemeinbürgern, und ich versuche immer, zwischen den verschiedenen Gruppen eine gemeinsame Sprache herzustellen, weil die Sprachen sehr verschieden sind. Deswegen höre ich mir super viele Youtuber an, die unter 20 sind, einfach weil ich diese Sprache sprechen will, und ich möchte die Sprache von Seniorinnen sprechen und die Sprache der Politik und die Sprache der Wissenschaft und möchte dazwischen vermitteln.

Das ist etwas, das ich sehr, sehr dem neuen Testamente anrechne. Es ist ja im Prinzip eine große Übersetzung.

cwh: Sehr schön gesagt, und das wird ja im Christentum sehr oft übersehen, dass Jesus Jude war und dass er aus dieser Tradition und aus der Tradition der Tora zu seinen Überzeugungen gekommen ist und daraus gewirkt hat.

Marina: Ja, er wollte nie eine neue Religion gründen. Die Tora ist ja sehr schwer zu interpretieren. Sie wird in jüdischer Tradition auf 4 Ebenen interpretiert, und das ist, gelinde gesagt, voraussetzungsreich, und er hat aus diesem Text für Gelehrte einen Text für einfache Menschen gemacht.

cwh: Super, das gefällt mir. Da ist jetzt ja doch ganz viel rausgekommen, dass du niemanden treffen willst.

Frage 2: Nun, was würdest Du den jungen Menschen am CFG jetzt mal so ganz konkret mit auf den Weg geben wollen?

Marina: Hm.

Wenn du dich schlecht fühlst oder dich einsam fühlst oder dir unsicher bist: Dann such dir ein Thema, für das du Leidenschaft hast, etwas, das dir wichtig ist, vielleicht etwas, wofür du dich einsetzen möchtest, und finde andere Menschen, denen das auch wichtig ist.

Ich finde, dass Youtube eine super Anlaufstelle dafür ist – eine erste. Aber dann gibt es in der Stadt ganz, ganz viele Angebote, ob es das Klima ist, für das du dich interessierst, oder Frieden oder Gerechtigkeit. Es gibt ganz viele Gruppen. Dann geh dahin. Hab keine Angst. Hör erst mal einfach nur passiv zu. Aber nimm dir vor, das, was dir wichtig ist, zu leben. Also, sobald du in einer Gruppe drin bist, sobald du mit anderen Menschen zusammen bist, gewinnst du Sicherheit und Mut und Gemeinschaft.

cwh: Super. Du hast jetzt etwas ganz Anderes geantwortet als viele andere Menschen. Das ist sehr schön, und da will ich auch gar nicht weiter fragen. Das ist ja ein so umfassender Tipp.

Marina: Was sagen die meisten Menschen?

cwh: Viele zielen dann auf berufliche Orientierung. und sagen schon dabei auch: mach das, was dir wichtig ist. Insofern stimmt das damit so ein bisschen überein, aber du hast das jetzt noch mal viel weiter gefasst und nicht so eindimensional auf berufliche Entwicklung bezogen.

Marina: Oh nein, Ich finde, es gibt 10 000 Dinge, die wichtiger sind als Beruf.

cwh: Also, das ist eben umfassender geantwortet. Und es ging ja aus von dem Satz: Wenn du dich schlecht fühlst, wenn du dich einsam fühlst. Also das zeigt ja, dass so eine Selbstbefreiung vollumfänglich möglich ist, die dann natürlich sofort Auswirkungen hat auf Berufswahl und anderes, weil, wenn man dieses Prinzip lebt, dann wird man natürlich auch keinen Beruf wählen, in dem man einfach nur viel Geld verdient, sondern in dem man sich wiederfindet. Und das ist mir immer das Wichtigste, dass ich irgendwo für begeistert sein muss, damit ich es gut machen kann.

Marina: Ja.

cwh:

Frage 3: Wenn du deine Werte ranglisten solltest, wie würde das dann aussehen?

Marina: Es ist eine erstaunlich schwierige Frage für jemanden, der buchstäblich seine Diplomarbeit über die Rangliste von Werten geschrieben hat. Tatsächlich. Also, es gibt ein Wertemodell nach Shalom H. Schwartz 6. Ich habe einen ganzen Test über Werte bei Kindern für die Ukraine adaptiert, der herausfindet, was Kindern am wichtigsten ist, was am zweitwichtigsten usw.

cwh: Toll.

Marina: Es ist witzig. Ich habe neulich darüber nachgedacht und ich habe über Frieden nachgedacht. Ich habe gedacht, Frieden ist mir ein wichtiger Wert. Aber nicht der wichtigste.

Denn Frieden habe ich im Tod. Und das ist mir nicht das Wichtigste. Es gibt etwas, das ich mehr schätze als Frieden. Ich glaube, ich liebe Menschen sehr, und ich bin mir nicht sicher, was das für ein Wert ist. Aber ich möchte einfach immer so handeln, dass es möglichst vielen Menschen möglichst gut geht.

Vielleicht ist der Wert Nächstenliebe.

Weil ich weiß, dass manchmal Nächstenliebe und Frieden in Konflikt geraten und das besonders dann, wenn Faschismus aufzieht. Ich musste mich damit sehr auseinandersetzen. Ich habe ja Familie in der Ukraine, die angegriffen wird. Und man könnte jetzt sagen, wenn die Ukraine kapituliert, ist ja Frieden.

cwh: Das sagen ja viele, sollen die doch einfach kapitulieren, ja.

Marina: Das sagen viele. Aber erstens ist es natürlich kein Frieden. Und zweitens: was ist das für ein Frieden? Wenn der Frieden auf dem Rücken von Menschen besteht, die entführt werden, die gefoltert werden… Es gibt Werte, zu denen die Ukraine gefunden hat, hinter die sie nicht zurücktreten will, und ich könnte dann auch niemals friedlich leben. Nehmen wir an, eine faschistische Regierung würde mich aus irgendwelchen Gründen in Ruhe lassen, weil sie nicht weiß, dass ich Jüdin bin oder antifaschistisch oder eine Frau. Nehmen wir an, sie würde mich in Ruhe lassen: Ich könnte nicht in Frieden leben, während andere verfolgt werden.

cwh: Jetzt haben wir einen wichtigsten Wert. Die Nächstenliebe.

Und die Einstellung, ganzheitlich für seine Werte zu stehen, egal welche Folgen es hat oder wenn es nicht bequem ist.

Marina: Ich meine, wir alle werden uns sehr bald entscheiden müssen zwischen dem Richtigen und dem Bequemen. Und ich kann niemandem darüber Vorschriften machen. Ich kann nur sagen, ich selbst könnte einfach nicht anders. Also für mich ist das auch keine Entscheidung, über die ich nachdenken muss.

cwh: Das kann ich auch sehr gut nachvollziehen, weil ich auch so ein sehr emotionaler und gerechtigkeitsliebender Mensch bin, der das schlecht ertragen kann, wenn das nicht gegeben ist. Gerade auch Gerechtigkeit wäre für mich auch noch sehr weit vorne.

Teil V Eine Botschaft an die Schüler:innen

Frage 4: Marina. Willst du noch irgendwas von dir aus sagen?

Marina: Weil das ja für Schüler ist, möchte ich noch eine Sache sagen.

Kinder und Jugendliche bekommen viel zu wenig Macht und nehmen sich viel zu wenig Macht. Und deshalb ist mein Aufruf: Organisiert euch und nehmt euch Macht. Macht euch laut, macht euch sichtbar. Denn sonst geht ihr in der Gesellschaft unter – rein zahlenmäßig.

Tut Dinge und fragt lieber nicht. Bittet lieber später um Entschuldigung als vorher um Erlaubnis.

cwh: Ich glaube, für mich ist das sehr rund. Es war sehr, sehr bunt.

Und es war genauso wie die Marina, die ich in der Schule kennengelernt habe.

Marina: Wirklich? Ich habe das Gefühl, eine völlig andere Person zu sein.

cwh: Du warst immer schon widerständig.

Marina: War ich das? Ich habe mich als so klein und hilflos und wie ein Schatten in Erinnerung.

cwh: Nein.

Marina: Ach, krass.

cwh: Das war so nicht. Du warst auch immer irgendwie besonders. Das fing an mit den Mangas. Kein Mensch hat damals sonst Mangas gemalt. Und wenn so ein Mädel das tut, und malt im Unterricht Mangas, dann fragt man sich, wie kommt sie da auf sowas Fremdes – warum interessiert sie sich dafür?

Und dann knüpfe ich noch mal an an diese Arbeitsgemeinschaft, in der du in der Oberstufe warst, an „den Spielraum“, die Theatergruppe. Der Spielleiter Lothar Pfennig hat ja versucht, da Dinge, die in Wuppertal so großartig sind wie Pina Bausch, in die Schule zu tragen, mit außergewöhnlichen Stücken und auch mit politischen Themen zum Teil.

Und diese ganze Arbeitsgemeinschaft war immer irgendwas besonderes.

Marina: Ja, das sind die Theaterkinder. Die sind immer komisch. Aber das hat mir genützt. Also, ich habe ja dann später hier in Münster Theater gespielt. Und ich habe da tatsächlich meinen Mann kennengelernt.

cwh: Ja, da muss man ja auch eine Begabung zu haben, sonst kommt man nicht auf die Idee, sowas zu machen. Und Theaterspielen ist ja auch immer ein Stück aus sich heraustreten und Rollen annehmen und Rollen üben und sich da drin zurechtfinden.

Marina: Das war nie ein Problem für mich, weil ich nie in mir sein wollte.

cwh: Jetzt immer noch nicht?

Marina: Inzwischen, doch inzwischen. Das ist die größte Veränderung, weshalb ich sage, ich fühle mich als eine völlig andere Person. Ich habe, glaube ich, 4 Therapien gebraucht, um jemand zu sein, der wirklich happy ist, ich zu sein. Also, ich bin eine sehr, sehr glückliche Person. Ich hatte eine wirklich unglückliche Jugend mit Mobbing, mit irgendwie großen inneren Unsicherheiten, die einfach mit der Migration zu tun hatten und auch mit transgenerationellem Trauma. Und ich finde das wichtig, sowas auch nicht zu verschweigen, weil ich ja weiß, dass auch am CFG sicher viele Jugendliche sind, denen es genauso geht, und auch Jugendliche, die in Psychotherapie sind oder kommen werden oder sie vielleicht brauchen und nicht wissen, dass sie sie brauchen. Und ich finde, das Thema gehört nicht tabuisiert. Wenn mir jemand damals gesagt hat, mir, die ich Mangas gemalt habe und irgendwie im Internet Freunde hatte, die ich alle nur beim Nick Name kannte, dass ich dann irgendwann mit der Bundeszentrale für politische Bildung zusammensitze und wir überlegen, mit wem arbeiten wir zusammen  – und dann wurden lauter Youtuber, Nick Names genannt. Ich habe immer Rollenspiel gespielt habe – und das war auch so ein nischiges Hobby – und neulich durfte ich im Landtag von Rheinland Pfalz Rollen spielen und ich durfte eine Jakobinerin in der Mainzer Republik spielen. Dann habe ich gedacht, krass das, was damals so ein Kennzeichen meiner Randständigkeit war, befördert mich jetzt mit den Fähigkeiten, die ich damals erworben habe, ins Zentrum der Gesellschaft und ich werde auch noch dafür bezahlt. Oh, ich war wirklich, wirklich unglücklich. Ich habe mich wirklich elend gefühlt. und jetzt bin ich so zutiefst glücklich, das ist ja auch eine Hoffnung.

cwh: Total. Die Hoffnung, dass das sein kann, dass man sich da herausarbeitet.

Marina: Ich finde das wichtig, weil wir immer auf Leute gucken, die irgendwo sind, wo wir sein wollen, die es in irgendeiner Weise geschafft haben, in Anführungszeichen.

cwh: Ja.

Marina: Und wir glauben immer, dass sie schon immer so waren, oder dass sie ganz anders sind als wir selbst. und die Wahrheit ist, meistens sind sie das nicht. Alle Menschen sind irgendwo ein bisschen ähnlich.

cwh: Okay. Lass das das Schlusswort sein. Ich danke dir ganz herzlich, Marina. Ich wünsche dir alles, alles Gute.

Marina: Danke sehr, gleichfalls und viel Erfolg für die kirchliche Arbeit. Die wird jetzt sehr, sehr wichtig sein.

cwh: Vielen Dank. Ciao.

Quellen:

1https://www.mecfs.de/was-ist-me-cfs/

2https://steady.page/de/wind-und-wurzeln/about

3https://de.wikipedia.org/wiki/Arne_Semsrott

4https://www.aula.de/marina-weisband/

5 https://www.zdf.de/video/shows/zdf-magazin-royale-102/zdf-magazin-royale-vom-2-oktober-2026-100

6https://de.wikipedia.org/wiki/Shalom_H._Schwartz

Shalom H. Schwartz (* um 1940 in Hempstead, New York) (hebräisch שלום שוורץ) ist ein US-amerikanisch–israelischer Sozialpsychologe, interkultureller Forscher und Autor einer Theorie universeller menschlicher Werte).

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Soweit das Interview. Vielleicht gibt es jetzt Fragen. Ihr könnt es versuchen, aber Marina hat sehr viele Anfragen, habt Geduld.

Hier geht’s trotzdem zum Kontakt:  lady.afelia@gmail.com